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Was ist denn nun Kunst? – Premierenkritik Thomas Quasthoff & Michael Frowin

thomas quasthoff und michael frohwin am 7.jan.13 in berlinThomas Quasthoff & Michael Frowin: „Keine Kunst“

von Gilles Chevalier

BERLIN – Thomas Quasthoff und Michael Frowin feiern in den Berliner Wühlmäusen die Uraufführung ihres ersten gemeinsamen Programms „Keine Kunst“. Es ist ein Abend voller Witz und Tempo, bei dem beide Künstler Neues wagen und ihre angestammten Genres verlassen.

Michael Frowin hat ja auch schon in seinen Kabarett-Soloprogrammen gesungen, aber bei „Keine Kunst“ steht das Musikalische stärker im Mittelpunkt. Thomas Quasthoff, der begnadete Bassbariton, hat sich zwar im vergangenen Jahr vom Musikbetrieb in den Konzertsälen der Welt verabschiedet, kann aber auch hier das Singen nicht ganz lassen. Neu ist, ihn als Chansonsänger zu erleben. Jochen Kilian begleitet die beiden am Flügel und greift gelegentlich auch als Ensembleverstärkung im Wortbereich unterstützend ein.

Kunst – was ist das eigentlich? Sind das nur Goethe und Schiller oder auch die Sportsfreunde Stiller? Diese Frage steht im Mittelpunkt des Abends. „Die Kunst am Kabarett ist, dass es nach ‚keine Kunst‘ aussieht“, sagt Quasthoff zu Beginn. Und zu solch erfolgreichen Fernsehsendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Dschungelcamp“ sagt Frowin: „Wer nichts kann, aber das besonders gut, der kriegt hier seine Chance.“

Quasthoff und Frowin machen gelegentlich aus Hochkultur Populärkultur. Wenn Quasthoff die beiden Schiller-Gedichte „Der Taucher“ und „Die Glocke“ zu einem Gedicht zusammenfasst. Oder wenn das ganze Ensemble den Inhalt von „Faust I“ in weniger als drei Minuten beschreibt. Das macht Spaß und lockert im ersten Teil des Abends auf. Wie auch das ungeheuer schnell von Michael Frowin vorgetragene Chanson über das Deutsche Bratwurstmuseum in thüringischen Holzhausen. Oder Thomas Quasthoffs Interpretation von „Hauptbahnhof“, dieser massiven Ballung von Frankreich-Klischees aus der Feder von Pigor & Eichhorn, die alle am imaginären Pariser Hauptbahnhof zusammentreffen.

Nun wäre es ja kein Kabarett, wenn die beiden nicht auch auszuteilen hätten. Sie treffen all die Verrückten, ohne die Kultur gar nicht stattfinden könnte. Die überkandidelten Theaterbesucher, die jeden Schauspieler an den Größten der 1950er Jahre messen, genauso, wie das intellektuell übersichtliche Ehepaar auf der Reise zur Musical-Aufführung in Hamburg. Auch den unverständlich und schnell formulierenden Kritikern im Hörfunk wird eingeschenkt, ebenso den ordinär oder verletzend Formulierenden von der Zeitung. Ein Glück, dass sich liveundlustig.de nicht in dieser Reihung wiederfand – jedenfalls nicht in der Premiere!

Etwas gebremster geht es im zweiten Teil des Abends zu. Der beginnt genau genommen schon kurz vor der Pause, als Quasthoff den Hitler spielt. Glücklicherweise deutet er den Adolf nur an und lässt keine Zweifel aufkommen: „Es gibt immer noch ein paar Spinner, die sagen, den Holocaust habe es nie gegeben. Das tut weh!“ Weh tut auch, wenn der Kontergan-geschädigte Quasthoff nach der Pause einen sehr eitlen Bühnen-Frowin im ‚Interview der Woche‘ befragt: „Sie sind ja nun behindert, ihre Arme sind zu lang…“

Der Humor kommt trotzdem nicht zu kurz, etwa im gemeinsam vorgetragenen Chanson über den „Krawattenmann“ oder in der Kochshow im Radio, bei der ungünstigerweise der Kartoffelkoch des Restaurants zu Gast ist: „Das leuchtet ein – wem auch immer.“ Hier bekennen sich die beiden zum Klamauk. Doch das Lachen bleibt einem sogleich wieder im Halse stecken, wenn Quasthoff als katholischer Rettungssanitäter und „Gesamtschöpfungsvollstrecker“ überlegt, wen er denn nun zuerst retten soll: Den Gläubigen, den Homosexuellen oder den Priester?

Langweilig wird es keine Sekunde bei diesem sehr empfehlenswerten Programm. Dafür sorgt im Zweifelsfall Thomas Quasthoffs Mienenspiel. Das setzt er immer wieder ein, wenn Michael Frowin solistisch hervortritt. Andererseits legt Frowin zu Beginn des Abends Quasthoff den gesamten Text zum Mitlesen auf den Tisch. Diese beiden vormaligen Solisten nehmen sich nicht die Butter vom Brot, sondern ergänzen sich großartig. Sie sind zu hervorragenden Team Playern geworden, die schonungslos dem Kulturbegriff auf den Grund gehen: Anspruchsvolle Unterhaltung nach allen Regeln der Kunst.

Aber was ist denn nun mit der Kunst? „Kunst ist nur im durchgeknallten Zustand möglich“, bescheinigt Quasthoff. Deshalb plädieren die beiden für die eigene Kunstgestaltung: „Schluss mit der Bescheidenheit – pfeift auf die Sicherheit!“ Ja dann, liebe Leser, Live und Lustig wartet auf Eure Kommentare.

Gilles Chevalier © 2013 BonMot-Berlin Ltd.
Foto: PR Wühlmäuse

die nächsten Termine:
Fr, 20. September 2013: Karlsruhe, Tollhaus
Sa, 21. September 2013: Braunschweig, Kultur im Zelt
Do, 3. Oktober 2013: Mannheim, Capitol

Alle weiteren Infos und Termine HIER

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  1. pixelspielerei
    17. September 2013 um 22:51

    Eine tolle Kritik, die eine ungeheure Spannung auf den Abend aufbaut! Prächtig, sozusagen! 😛

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