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Vor 30 Jahren: Premiere der „Hammer-Rehwü“ in Dresden

Hammer-Rehwü Doku 01Subversives Kabarett in der DDR – Die ganze Welt in der Marienburger Straße 10

LEIPZIG (hp) – Vor 30 Jahren spürten hinter den Mauern der DDR vierzehn junge Leute knapp unter dreißig in der Berliner Marienburger Straße 10 etwa zwei Wochen lang den Atem der Welt. Nicht nur aus allen Himmels-richtungen, auch zwischen gestern und morgen. In der Marienburger Straße befand sich der Probenraum vom Liedtheater Karls Enkel.

Es hatte die Folk Band Wacholder aus Cottbus und das Chanson-Duo Dieter Beckert und Karl-Heinz Schulz (später Saleh) aus Dresden dazu eingeladen, eine Revue zu erarbeiten.

Der Titel stand schon fest: Hammer-Rehwü. Mit h wie Rehlein und Umlaut u wie wütend. Es sollte etwas ganz Neues werden. Und es sollte ein Vorhaben werden, das Folgen haben würde. Mit dieser außergewöhnlichen Revue wurden die achtziger Jahre eingeläutet mit ihrer neuen Deutlichkeit in der Kleinkunst.

Eine neue Art in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Funktionärsstaat machte sich breit. Schon Ende 1981 hatten Karls Enkel ein Faltblatt verteilt, auf dem zu lesen war „1982 fällt der Hammer“. Das Maß war voll. Etwas ganz Großes sollte entstehen. Künstlerisch wie politisch.

Wenzel erinnert sich: „Kurz vor der Hammer-Rehwü haben wir an der Volksbühne einen Abend gemacht, der hieß Dahin, dahin. Das war ein Abend mit Texten von Johann Wolfgang von Goethe, und da entdeckten Mensching und ich die Struktur der Comedia dell‘arte, des Volkstheaters. Und daraus ergab sich unser Wunsch, eine circensische Theaterrevue aufzubauen.“

Hammer Rehwü breit

Andererseits lockte die Ästhetik der Zwanziger Jahre, jene Zeit, die durch Absurdität und Aberwitz geprägt war und in diesem Punkte dem durchaus surrealen letzten Jahrzehnt der DDR vergleichbar war. Für Steffen Mensching hat die politische Situation die Truppe gedrängt, Stellung zu beziehen. Das Entscheidende bei der Hammer-Rehwü war der Versuch, die Dinge klar zu benennen, ohne in ein politisches Vokabular zu verfallen. Das war die in jenen Jahren oft angewandte Kunst, nichts gesagt zu haben. Und sie kamen damit beispielsweise in ihrem Berlinlied dem gemeinten Objekt hautnah.

Mitten durch die Stadt Berlin,

Sieht man etwas lang sich ziehn.

Viele stehen da und gucken

Andre rümpfen Nasen, spucken

Nicht aus Stahl und Pappmaché,

nein aus Wasser ist die Spree.

Zwischen Staatsrat und Zentralkomitee

Stehn drei Angler an der Spree

Und ein General a.D.

Sieht die Angler an der Spree

Ruft: Kommt lieber zur Armee

Wenn ihr Langeweile habt

Oder Durst auf T-T-Tee

Laa, Laa, Laa, Laa

Federführend waren Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching sowie Dieter Beckert. Sie hatten die Grundidee und das ästhetische Konzept erarbeitet, und bei ihnen liefen im Probenprozess auch alle Fäden zusammen. Am Anfang stand die Vorstellung von einer respektlosen Mischung von Stilen, Gedanken und Liedern. Das reichte vom Gedicht über das Kabarettlied oder der Schnulze bis hin zu einem Lied aus Schuberts Winterreise. Alles war da möglich, Anarchie, Protest, Kunst und natürlich Spott und Spaß. Und allen war wichtig, Haltung zu zeigen.

1982. Es war die Zeit des Wettrüstens, in Polen war das Kriegsrecht verhängt worden, die führenden Greise in der DDR begriffen die Welt nicht mehr und die Ideologen gebärdeten sich immer absurder. Darauf passte ein einfaches Liedersingen nicht mehr. Das verlangte schon nach anderen Mitteln.

Das Hammerkollektiv schuf ein Panoptikum mit bekannten und namenlosen Figuren. Da war ein Jungpionier, Albert Einstein, ein General mit Medaillenbrust, und auch ein dicker Seemann stand auf der Bühne. Mit dieser Personage entstand eine absurde Atmosphäre, mit der das Ensemble auf die Realität verwies.

Wenzel 01 - Foto Copyright Thomas Neumann„Wir empfanden“, sagt Steffen Mensching, „unsere Situation als absurd, als im hohen Maße widersprüchlich. Und diese Absurdität wollten wir darstellen. Ironie war da immer mit im Spiele.“ Die war überhaupt unter den jungen Leuten in den letzten Jahren der DDR nicht wegzudenken.

Wichtig war für Wenzel jedoch die Erfahrung, dass die Freude am Spott eine Kraft ist, mit der man Verhältnisse attackieren kann. Und, wie Mensching sagt, wäre die Revue ohne so einen Mann wie Bob Dylan nicht denkbar gewesen. Auch nicht ohne die Beatles und Stones oder die frühen Bands der sechziger, siebziger Jahre. Er zählt da sogar noch Punk und Neue Deutsche Welle auf.

Das Bühnengeschehen mit aller Musik und den kuriosen Typen erinnerte an Fellini ebenso wie an Karnevalspossen. Das war kein intellektuelles Besserwissen mehr. Die Kraft der Revue lag in der Atmosphäre, die von ihr ausging. Geschaffen durch Lieder, wie der umgedichtete Song der
Spencer Davis Group Keep On Running :

 

Halt zur Stange

Sei kein Schwein

Auch wenn alle anderen jammern,

Übst du dich mit Vorschlaghammern

Und haust rein.

An etwa 14 Probentagen schuf das Hammerkollektiv seine legendäre Revue und lebte dabei alle künstlerischen wie anarchistischen Fantasien aus. In den Proberäumen von Karls Enkel in der Marienburger Straße 10 hatte sich in diesen Tagen eine Kommune niedergelassen. Vier Frauen und zehn Männer lebten und arbeiteten in den Räumlichkeiten und vor allem auf dem Dach. Scheinbar waren da keine Grenzen. Freundschaften bildeten sich, Liebschaften auch. Und es war den jungen Frauen zu verdanken, dass sich kein verschrobener Jungmännerverein bildete. Das war Arbeit und Übermut – eine Euphorie.

Arnulf Rating von den Drei Tornados aus Westberlin hat die Revue lebhaft in Erinnerung. Er hatte sie mit seinen beiden Kollegen Holger Klotzbach und Günter Thews in einer internen Aufführung in der Marienburger Straße erlebt und sagt rückblickend: „Wir haben gedacht, die haben eigentlich genau dieselben Texte, die wir haben, die wohnen auch alle in besetzten Häusern, es gab auch da eine gewisse Parallelität.“

Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es mit dieser Revue keine Probleme gegeben hätte. Natürlich war die Stasi auch hier allgegenwärtig. In Funktionärskreisen wurden Karls Enkel ja schon Ende der siebziger Jahre Biermanns Enkel genannt.

Freund und Feind hatten sich schon seit langem in Stellung gebracht. Insofern war die politische Situation in Berlin durchaus berechenbar. Und so wurde auch die Premiere sorgsam vorbereitet. In der Wochenzeitschrift Sonntag erschien bereits vor der ersten Aufführung eine lobende Kritik über die Hammer-Rehwü. Der engere Kreis der Freunde sorgte auch dafür, dass weitere Besprechungen der Show für gutes Klima sorgten. Denn immer stand über allem Proben in der Marienburger Straße 10 die Möglichkeit, dass alles vergebens sein könnte. Aus diesem Grund hatte man sich in Berlin und nicht wo anders zusammengefunden.

Ein Zwischenfall hätte dann noch das ganze Unternehmen beinahe gekippt. Der Folk Band Wacholder wurde von Funktionären aus ihrer Heimatstadt Cottbus die Auftrittsgenehmigung entzogen. Das war ein ernsthafter Angriff, weil man nicht wusste, wie viel Macht, also Zustimmung aus anderen politischen Kreisen dahinter steckte. Der Schrecken war groß, weil es ja um den Broterwerb ging.

Die Cottbusser SED-Lokalfürsten verloren aber das Machtgeplänkel. Sie wurden von der FDJ und dem Komitee für Unterhaltungskunst nach tagelangem Hin und Her zurückgepfiffen. Zwei Vorstellungen mussten lediglich abgesagt werden. Ein knappes Jahr wurde die Revue landauf, landab gespielt, die Einwände der Betonköpfe blieben, das Publikum ließ die außergewöhnliche Show hoch leben, und das letzte Mal wurde die Hammer-Rehwü am 14. Juni 1983 in Magdeburg zur VII. Leistungsschau der DDR-Unterhaltungskunst gespielt. Sie war also im behördlich genehmigten Alltag angekommen.

Über die Proben in der Marienburger Straße staunt Dieter Beckert noch immer: “Ich hab so was, glaub ich, nicht wieder erlebt. Diese Mischung aus Interesse am Projekt, Alkohol, Witzen, Jux und Tollerei und zu wissen, wir machen hier etwas Gemeinsames, was in etwa den Vorstellungen irgendeiner Hippie-Kommune auf der Welt oder einer anarchistischen musikalischen Gemeinschaft sehr nahe kommt. – So war’s nie wieder.“

Zu guter Letzt war die Hammer-Rehwü eine Show mit Folgen. Einmal, wie schon gesagt, machte sich eine neue Direktheit breit. Und dann entstand bei der Revue das Clowns-Duo Wenzel/Mensching. Aus dem Kreis der Musik formierte sich Jahre später die Bolschewistische Kurkapelle schwarz-rot, Jörg Kokott von Wacholder wandte sich zunehmend literarisch-musikalischen Programmen zu, über Heinrich Heine und zu den 1848ern, Scarlett O profilierte sich als Solistin und das Duo Sonnenschirm mit Jürgen B. Wolff und Dieter Beckert trat seinen brachialromantischen Siegeszug an.

Wenn man heute die Lieder von Wenzel hört oder Steffens Menschings Theaterarbeit in Rudolstadt betrachtet, ist etwas Hammer-Rehwü noch immer zu spüren. Das liegt auch daran, dass in diesem Kreis die Kultur jener Jahre mit ihren Traditionen wie ein Schwamm aufgesogen wurde.

Die Premiere war am 30. August 1982 in Dresden, an den beiden Tagen zuvor gab es in Berlin Voraufführungen.

Harald Pfeifer © 2012 BonMoT-Berlin Ltd.

  1. Michael Weiß
    7. September 2012 um 20:51

    Hab‘ die entsprechende MDR-Figaro Sendung heute gehört und war begeistert, von der Sendung und der Musik!
    Wäre sehr schön(!!), wenn die entsprechende Hammer-Rewü CD neu aufgelegt würde zum 30. Jahrestag!

  1. 16. Februar 2013 um 08:12

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