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Die 7. Kabarett-Tage in Vohenstrauß – Kritik

Vohenstraußer KabarettTage_logo 2012

Florian Kopp gewinnt das preußisch-bayerische Duell in der Oberpfalz

VOHENSTRAUSS (bm) – Kabarettpreise gibt es im deutschsprachigen Raum inzwischen wie Sand am Meer. Dennoch ragen zwischen all diesen formschönen Trophäen, den Besen, Leitern, Pfannen und Hockern, also den Haushaltsgegenständen, den Kakteen und Löwenzähnen, also der Flora, den Glöckchen, Tierchen und rein thematisch oder geografisch betitelten Preisen einige hervor.

Selbst der mindest dotierte wird gerne noch als Karriere-beschleuniger beworben, und irgendein engagierter Kulturdezernent schmiedet vielleicht genau in diesem Augenblick an dem Konzept für den Preis seiner mittelgroßen Stadt.

Vohenstraußer Preis - Foto Sigurd Passow

Vohenstrauß ist mit seinen 7827 Einwohnern alles andere als eine mittelgroße Stadt. Und der Preis, der tatsächlich schon manch einem den richtigen Schubs in seiner Künstlerkarriere gegeben hat, ist einer privaten Initiative zu verdanken. Der von Monika und Bernhard Helmstreit.

Auch im verflixten siebenten Jahr hat das Ehepaar mit sicherem Gespür aus den Bewerbern vier Kandidaten ausgewählt, die sich dem Publikumsvotum stellen. Oberstes Prinzip ihrer Vorentscheidung: Die Teilnehmer sollen unvergleichlich sein. Aus jeder Sparte nur einer. Die Zuschauer müssen sich zwischen Äpfeln und Aprikosen entscheiden. Dass es diesmal zu einem preußisch-bayerischen Duell führte, war reiner Zufall.

Der Kabarettist Florian Kopp und die Sängerin Ida Erdinger aus Bayern, das Komikerduo Hortkind und der Vorleser Andreas Spider Krenzke aus Berlin sind in der Vohenstraußer Friedrichsburg aufgetreten.

Schrägschrauben_1 - Foto Sigurd PassowBesonderer Gag: Die Schrägschrauben führen durch den Abend. Das schrullige Weiberduo in bester Matta-und-Lisbeth-Tradition ist in der Oberpfalz weltberühmt und wird von niemand anderem als Monika Helmstreit und ihrer Schwester Regina Diegel verkörpert.

Mit Gitarre und Loop Machine hat Florian Kopp die Florian Silbereisens dieser GEZ-Welt parodiert. Der Kabarettist aus dem unteren Bayerischen Wald geht in der Rolle des munteren Volksmusik-Super-Stars zum Flat-Rate-Beichten – Florian Kopp - Foto Sigurd Passow „Ich habe mein Publikum jahrelang belogen und betrogen.“ – und verblüfft die Vohenstraußer mit verunglückten Schlagzeilen aus der Lokalzeitung „Der Neue Tag“. Selbst, wenn die meisten davon aus seinem Textbuch stammen, weiß doch jeder: So was drucken die tatsächlich.

Bei der Reminiszenz an die Kindheit verrutscht die Rolle. Aber die Aussage stimmt, und alle kapieren: Früher sind Kinder noch in den Heuhaufen gesprungen und hatten Spaß dabei. Heute werden sie vom Ehrgeiz der Eltern durch die Freizeit gepeitscht. Kleines Latinum möglichst schon vor der Einschulung. Das versteht jeder in Vohenstrauß.

Ida Erdinger_2 - Foto Sigurd PassowDie Sängerin Ida Erdinger ist fast so breit wie hoch. Das darf ich schon sagen, zumal die Verhätschelung des inneren Schweinehunds ein Hauptthema bei ihr ist. Von feiner Komik ihre Geschichte über die korrekte Nachbarin, die nur rosa und hellblau blühende Blumen in ihrem Garten zieht und darüber exakt ausgerichtet die rosa und hellblauen Schlüpper von sich und ihrem Mann zum Trocknen auf die Leine hängt.

Ida Erdinger - Foto Sigurd PassowBis eines Tages diese zuverlässige Aufreihung von einem schwarzen Spitzenslip gestört wird. Da kriegt Ida Erdinger den Blues. Das wilde Rock’n’Roll-Tier bricht sich Bahn. An die Melodien erinnern sich alle gerne, ihr frecher Text macht Spaß. Aus „Knockin‘ On Heavens Door“ wird „Nackt an der Himmelstür“, aus Kris Kristoffersons „Me And Bobby McGee“ wird „Ida, das schaffst du nie“. Echte Hippies pflegen ihre inneren Schweinehunde eben. – Faszinierend: diese Stimme, dieser Charme. Wie viele Hippies leben in Vohenstrauß?

Das waren die Teilnehmer aus Bayern. Nach der Pause geht’s mit den Preußen weiter.

Hortkind_1 - Foto Sigurd PassowUnverschämt witzig: Hortkind aus Berlin. Das Pantomimeduo hat 16 Jahre lang geschwiegen. Jetzt machen diese Brachialkomiker auch den Mund auf. Einfach nur zum Brüllen diese atemberaubende Kombination aus Akrobatik und Comedy. Egal, ob sie eine Szene in Zeitraffer, Slow Motion oder rückwärts spielen – es ist in jedem Fall ver-rückt. Ich habe Tränen gelacht.

Hortkind_2 - Foto Sigurd PassowSie zappen sich durchs Fernsehprogramm und zappeln uns vor, was sie vermeintlich sehen. Sie spielen die Entwicklung des Handys im Schnelldurchlauf. Sie inszenieren eine schnelle Schlägerei und spielen sie zum besseren Verständnis noch einmal in Zeitlupe – ein sportlicher Kraftakt. Bei alledem wirken sie wie zwei lebendig gewordene Comicfiguren, die einem Zeichentrickfilm entsprungen sind.

Und was soll dieser bescheuerte Name? Die Abkürzung für: „Höchst originelle, richtig tolle körperlich-intellektuelle neue Darstellung“. Stimmt. Da hätte man ja auch selbst drauf kommen können!

Andreas-Spider-Krenzke - Foto Sigurd Passow Nach einem derartigen Bühnenkracher aufzutreten, ist nicht gerade leicht, sollte man annehmen. Dem Vorleser Andreas Spider Krenzke gelang es allerdings spielend, sich die Aufmerksamkeit des Publikums zu sichern. Ja, auch mit einfachen Buchstaben kann man überzeugen, wenn sie nur in der richtigen Reihenfolge auf dem Blatt Papier stehen.

Seine satirischen Alltagsbetrachtungen rasen zielsicher auf’s Chaos zu. Das Usedomer Strandidyll endet mit dem Wunsch, sich in einen Wal verwandeln zu können und die Rettung durch Greenpeace herbeizusehnen. Andreas-Spider-Krenzke_2 - Foto Sigurd Passow Nicht minder katastrophal spitzen sich die Ereignisse zu beim Kindergeburtstag im Prenzlauer Berg.

Andreas Spider Krenzke gehört schon zu den Dinos der Vorleseszene. Jeden Dienstag tritt er in Berlin bei der Lesebühne „LSD – Liebe statt Drogen“ auf. Während in Vohenstrauß die Stimmen ausgezählt wurden, haben die Schrägschrauben dem Affen nochmal Zucker gegeben – mit oberpfälzer Hüftschwung zu arabischer Bauchtanz-Musik!

Das Publikum hat Florian Kopp zum Sieger gewählt.

Bernhard Helmstreit überreicht den Preis an Florian Kopp - Foto Sigurd Passow

Ida Erdinger, Hortkind und Andreas Spider Krenzke landeten gleichberechtigt auf den zweiten Plätzen. Schon jetzt kann man sich auf den nächsten Wettbewerb in Vohenstrauß freuen, Monika, Florian, Regina & Ida sehen Hortkind - Foto Sigurd Passow der sich neben der künstlerischen Qualität der Teilnehmer durch eine äußerst angenehme Atmosphäre auszeichnet.

Beate Moeller © 2012 BonMoT-Berlin Ltd.

www.kabaretttage.dewww.friedrichsburg.de

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  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 8. März 2013 um 09:02

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